Predigt, Predigten, Predigtsammlung, Bibelauslegung, Andachten, Morgenandachten, Wochenspruch, Wochensprüche, Hoheluft, Hamburg-Hoheluft, Wolfgang Nein, St. Markus

Himmelfahrt (14.5.26)


Abschied mit Auftrag

17.  Mai 2007

Himmelfahrt

Johannes 17,20-26


Himmelfahrt - 40 Tage nach Ostern - ist der Tag des Abschieds Jesu von seinen Jüngern. Nach seinem ersten gewaltsamen - in Anführungszeichen – „Abschied“ durch seine Hinrichtung am Kreuz und die anschließende Beisetzung in einem Höhlengrab nimmt Jesus nun ein zweites Mal Abschied - nun allerdings souverän und erhaben als der Auferstandene. Während es Karfreitag noch so aussah, als hätte menschliche Macht die Fäden in der Hand, wird das Geschehen nun vollkommen bestimmt durch denjenigen, der sich als stärker erwiesen hat als Gewalt und Tod. Die Macht Gottes bestimmt das Geschehen.

Auch dieses Wort sollten wir am besten in Anführungszeichen setzen. Denn „Macht“ hat so sehr den Beiklang von Unterdrückung und Einschränkung der Freiheit. Die göttliche Macht, wie sie sich in Jesus, dem Leibhaftigen und dem Auferstandenen erwiesen hat, ist dagegen eine befreiende Macht. Sie schenkt uns eine innere Freiheit und will auch eine Freiheit in den weltlichen, gesellschaftlichen Strukturen. Das „Schenken“ der inneren Freiheit dürfen wir wörtlich nehmen. Wir sind frei - sofern wir die Freiheit annehmen und als solche gestalten.

Es ist ganz wichtig, dass wir in eben diesem Sinne verstehen, was Jesus seinen Jüngern an seinem Himmelfahrtstag sagt, als er sich von ihnen verabschiedet. Dort gibt er seinen Jüngern einen Auftrag. Jesus leitet diesen Auftrag ein mit den Worten: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Wie schon angedeutet: Die von ihm gemeinte Gewalt ist nicht gewalttätig. Jesus selbst hat keine physische Gewalt ausgeübt, er hat zu keiner Waffe gegriffen, weder um andere zu beschützen, noch um sich selbst zu verteidigen. Seine - in Anführungszeichen – „Waffen“ waren das Wort und sein beharrlicher liebevoller Umgang mit den Menschen. Das hat ihm eine Aufmerksamkeit eingebracht, die bis heute anhält.

Seine „Gewalt im Himmel und auf Erden“ ist die Macht der Liebe. Historisch ist da allerdings manches missverstanden und missbraucht worden. Zeitweise ist von der kirchlichen Institution tatsächlich gewalttätige Macht ausgeübt worden. Andersdenkende und Andersglaubende sind in früheren Jahrhunderten kirchlicherseits im wörtlichen Sinne mundtot gemacht und getötet worden.

„Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie ...“ - diesen Auftrag hat Jesus nicht so gemeint, wie er z. B. bei der Missionierung in Verbindung mit der Eroberung Lateinamerikas praktiziert worden ist: „Taufe oder Tod“. „Macht sie zu Jüngern, tauft sie“ - damit hat Jesus nicht zur Zwangsbekehrung aufgerufen. „Lehrt sie halten alles, was ich euch geboten habe“, auch diese Formulierung ist nicht als Aufruf zur Unterwerfung von Menschen unter den Glauben an Jesus Christus gemeint.

Jesus möchte vielmehr, dass seine Jünger nun hinausgehen in alle Welt und den Menschen ein Angebot machen. Sie sollen von dem weitererzählen, was sie mit ihm erlebt haben. Sie sollen weitersagen, was sie von ihm gehört haben. Sie sollen die Menschen ermutigen, in seine Nachfolge einzutreten und mit ihrem Reden und Handeln und ganzen Leben das zu praktizieren und weiterzugeben, was sie von ihm empfangen haben. Und sie sollen die Menschen dazu ermutigen, sich zu dem Glauben zu bekennen, zu dem sie durch ihn gelangt sind. Und sie sollen die Menschen dazu ermutigen, sich taufen zu lassen als öffentliches Zeichen dafür, dass sie die Liebe Gottes für sich und die ihnen Anbefohlenen annehmen.

Jesus beauftragt seine Jünger am Himmelfahrtstag, den Menschen ein Angebot zu machen. In diesem Sinne ist die kirchliche Verkündigung und Missionierung bis heute gemeint - oder sollte sie gemeint sein. Was z. B. von dieser Kanzel gesagt wird, geschieht ihm Respekt vor Ihrem Glauben, vor Ihren persönlichen Anschauungen, vor Ihrem Verstand. Sie hören Worte und erleben ein Geschehen hier im Kirchraum. Das können Sie alles in Ruhe in Ihrem Herzen und im Kopf bewegen. Wenn Sie es für sich annehmen und für Ihr Leben verwerten wollen, dann ist es gut. Wenn Sie sich sagen: „Das überzeugt mich nicht, damit kann ich nichts anfangen, das möchte ich nicht“, dann ist das auch in Ordnung. Das Angebot bleibt bestehen. Vielleicht wird es Ihnen zu anderer Zeit mehr bedeuten.

Jesus gibt seinen Jüngern einen Auftrag. In der Ausführung des Auftrags sollen sie sich an ihm orientieren. Er war ein lieber, friedfertiger, gewaltloser Mensch. An ihm haben Menschen abgelesen, wie Gott ist, dass er ein lieber Gott ist, der Menschen gernhat. So ist es ja auch von Anfang an in der biblischen Tradition überliefert worden. Schon bei der Erschaffung der Welt und des Menschen, heißt es im 1. Buch Mose: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Diese sehr positive Haltung des Schöpfers zu seiner Schöpfung und zu seinem Geschöpf Mensch ist eine gute und wichtige Grundlage für unser eigenes Verhältnis zu unserem ganzen Dasein und zu unseren Mitmenschen.

Wir haben vorhin als Taufspruch einen Satz aus dem Alten Testament gehört, den Taufspruch für Neele Marit aus dem Propheten Jesaja: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Diesem Satz spüren wir auch eine sehr herzliche Verbundenheit Gottes mit seinem Geschöpf Mensch ab. Dies ist ein Wort Gottes an sein Volk Israel. Wir dürfen dieses Wort aber auch auf jeden einzelnen Menschen, auf jeden einzelnen von uns ganz persönlich beziehen. Jeder einzelne ist für den Schöpfer von endlos großer Bedeutung - vergleichbar der elterliche Liebe zu ihrem Kind.

Der Auftrag, den Jesus seinen Jünger zu Himmelfahrt gibt, ist der Auftrag, die Liebe Gottes zu seinem Geschöpf Mensch weiterzugeben. Zur Liebe gehören die leibliche und seelische Fürsorge, das Behüten, die Wegweisung, auch ein gewisses Maß an Nachdruck und Strenge. Eltern werden den kleinen Kindern gewisse Vorgaben machen, ihnen mit zunehmendem Alter aber auch zunehmend Freiheit und Eigenständigkeit gewähren und schließlich ihre Kinder in die Mündigkeit entlassen.

Irgendwann werden Kinder mündig und müssen Eigenverantwortung für sich selbst übernehmen. Die elterliche Liebe kann dann nur noch in einem Angebot bestehen, das angenommen oder verworfen werden kann.

So ist es auch mit dem, was die Jünger im Auftrag Jesu weiterzugeben haben. Die Menschen, zu denen sie gehen sollen, sollen sie als mündige Menschen ansprechen, so, wie sie selbst am Himmelfahrtstag von Jesus als seine mündigen Nachfolger beauftragt werden. Bisher hatten sie sich in ihrem Verhältnis zu ihrem Herrn und Meister vielleicht nicht so mündig gefühlt. Er ist für sie in seiner Persönlichkeit und mit seiner göttlichen Ausstrahlung gewiss einfach übergroß gewesen.

Aber nun hören sie, wie er sie beauftragt, wie er sie in seine Nachfolge beruft und sie mit der Aufgabe betraut fortzusetzen, was er begonnen hat.

Jesus hat sein Leben im Auftrag Gottes geführt. Nun gibt er seinen Auftrag an die Jünger weiter. Und diejenigen, die von den Jüngern im Herzen bewegt werden, sollen dann auch wiederum den göttlichen Auftrag wahrnehmen.

In unserem heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium haben wir gehört, wie Jesus im Gebet Gott darum bittet, dass durch den einen ursprünglichen göttlichen Auftrag alle vereint werden mögen in der Liebe, die dem göttlichen Auftrag zugrunde liegt.

Den Jüngern mag zu Himmelfahrt noch etwas mulmig gewesen sein. Der Auftrag mag ihnen in dem Augenblick noch zu groß erschienen sein. Sie waren ja im Grunde einfache Menschen. Der Taufspruch für Noah aus dem alttestamentlichen Weisheitsbuch Kohelet hätte ihnen ein Trost sein können, denn darin kommt zum Ausdruck, dass auch die Schwachen - mit Gottes Hilfe - stark sein können: Nicht dem Schnellen gehört der Sieg, sondern jeden treffen Zufall und Zeit - was so viel heißt wie: Das Gelingen liegt stets in Gottes Hand.

Zu Pfingsten werden wir erleben, wie die bis dahin etwas verzagten Jünger mit der Kraft von oben für ihren Auftrag gestärkt werden. Aber das dauert noch weitere 10 Tage.

Heute feiern wir die Himmelfahrt, den Tag des Abschieds Jesu von seinen Jüngern, den Tag, an dem Jesus seinen Jüngern den Auftrag gibt, eigenständig in seinem Namen in die Welt hinauszugehen und den Menschen die Liebe Gottes als Angebot zu unterbreiten und ihnen die Möglichkeit eines neuen Lebens in seinem Geist der Liebe und des Friedens, der Versöhnung, der Vergebung zu eröffnen.

Wir können nur froh und dankbar sein, dass die Jünger diesen Auftrag angenommen haben und Jesus so unter uns lebendig geblieben ist bis auf den heutigen Tag.

(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 17. Mai 2007)

wnein@hotmail.de    © Wolfgang Nein 2013