Geschichte auslegen – in gegenseitigem Respekt
4. August 2002
10. Sonntag nach Trinitatis
Römer 11,25-32
In meinem Pastoren-Kalender steht unter dem heutigen Datum in Klammern: „Israelsonntag“. Und in einem Heft mit Predigt-Kommentaren beginnt der Autor seine Überlegungen mit den Worten: „Am 10. Sonntag nach Trinitatis - also heute - gedenkt die christliche Gemeinde der Zerstörung Jerusalems.“
Mir fiel gleich die Frage ein: Wie wäre es, wenn umgekehrt der vergangene Sonntag in Synagogen in Israel als „Deutschlandsonntag“ begangen und der „Zerstörung Hamburgs“ im Juli 1943 gedacht worden wäre? Und wenn einige von uns zugehört hätten, was darüber in den Synagogen gepredigt worden wäre.
Und wenn nun einige Menschen aus Israel, einige Juden, jetzt hier unter uns säßen - wie könnten wir als christliche Gemeinde an einem „Israelsonntag“ über die „Zerstörung Jerusalems“ predigen? Es müsste wohl jedenfalls so sein, dass wir uns hinterher noch freundlich in die Augen sehen könnten. Aber so ganz undelikat und unkompliziert wäre das nicht und ist das nicht.
Es ginge in beiden Fällen - Israel und Deutschland, Zerstörung Jerusalems und Zerstörung Hamburgs – um Geschichte, um dramatische Ereignisse der Geschichte und um die Interpretation von Geschichte, und zwar um Interpretation von Geschichte aus unseren jeweiligen religiösen Grundpositionen heraus.
Das wäre ein nicht unriskantes Unterfangen. Das ist schon mal böse daneben gegangen. Ja, es hat schon katastrophale Folgen gehabt - die christliche Interpretation der Zerstörung Jerusalems nämlich. Welcher Zerstörung Jerusalems eigentlich? Der Autor des bereits erwähnten Predigtkommentars sagt: „Früher wurde am 10. Sonntag nach Trinitatis, das wäre also heute, über die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 nach Christus gepredigt. Und die Predigten hatten dann nicht selten eine antijüdische Ausrichtung - in der Weise nämlich, dass die Zerstörung Jerusalems in eine ungute Verbindung mit der Ablehnung Jesu durch die Juden und der Kreuzigung Jesu in Verbindung gebracht wurde - und die Zerstörung Jerusalems als Gericht Gottes über die Juden interpretiert wurde. Diese Art der Bibelauslegung hatte katastrophale Folgen.“
Darum, so erläutert der Autor des Predigtkommentars, wird heute nicht mehr der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 durch die Römer, sondern der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahre 587 vor Christus gedacht. Die Gefahr einer antijüdischen Auslegung ist dann abgemildert. Gleichwohl kann auch jene frühere Zerstörung Jerusalems als Strafgericht Gottes über die Israeliten ausgelegt werden, was die alttestamentlichen Texte durchaus auch nahelegen und was dann auch wieder zu antijüdischen Empfindungen - und vielleicht mehr als das - führen kann.
Die Auslegung biblischer Texte ist oftmals mit einer Interpretation von Geschichte verbunden. Und diese Interpretation von Geschichte kann dann selbst wieder Einfluss auf den Gang der Geschichte nehmen. Das machen gerade die Texte des heutigen Sonntags deutlich. Heute geht es insbesondere um die Geschichte der Juden und der Christen - in ihrem Miteinander und Gegeneinander.
Ich halte die Anregung für sehr hilfreich, bei der Auslegung der Geschichte sich jeweils vorzustellen, Menschen der anderen Seite säßen dabei und hörten zu. Jede Geschichtsauslegung müsste in Inhalt und Form so vorgenommen werden, dass wir uns hinterher noch gegenseitig freundlich in die Augen schauen und friedlich miteinander leben könnten.
Bei einer solchen quasi dialogischen, also nicht einseitigen Geschichtsauslegung, die also immer geprägt ist vom Respekt vor dem anderen und die immer versucht, die Gesichtspunkte des anderen mit einzubeziehen - bei einer solchen quasi dialogischen Geschichtsauslegung muss das Thema „Schuld“ keineswegs ausgespart bleiben. Aber wo immer „Schuld“ thematisiert wird, kann es nicht um einseitige Schuldvorwürfe gehen.
Die selbstkritische Besinnung darf niemals fehlen. Und von Schuld darf nur geredet werden auf dem Hintergrund der Bereitschaft zu Versöhnung, Vergebung, Verständigung und Frieden.
Das Grundproblem zwischen Juden und Christen ergibt sich aus der unterschiedlichen Antwort auf die Frage: „Wer war jener Jesus von Nazareth?“ Einige sagten: „Er ist der Messias, der Christus, der Retter, der Erlöser.“ Andere sagten: „Er ist es nicht.“ Diese unterschiedliche Antwort hat zu Auseinandersetzungen geführt, eben auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Jesus selbst ist gekreuzigt worden und viele seiner Anhänger sind zu Tode gekommen. Umgekehrt ist vielen Juden im Zuge des christlichen Antisemitismus ihr Leben genommen worden.
Zu Anfang ging es übrigens um eine innerjüdische Auseinandersetzung. Jesus selbst war ja Jude. Seine Jünger und seine ersten Anhänger waren Juden - ebenso wie seine Gegner. Die Erwartung, dass der Messias, der Christus kommen würde, war ja eine jüdische Erwartung - und diese Erwartung besteht bei den Juden weiter fort. Erst durch die Mission unter Nichtjuden ist es dann zum Gegeneinander von Juden und Nichtjuden ge- kommen.
Das Gegeneinander muss zu einem Miteinander im gegenseitigen Respekt der unterschiedlichen Positionen werden. In dieser Richtung gibt es schon seit vielen Jahren Bemühungen. Es ist aber eine bleibende Aufgabe, eine gar nicht so leichte Aufgabe. Allein die Auslegung der Bibeltexte in der christlichen Predigt - im Respekt vor der jüdischen Seite - ist schon eine ganz große Herausforderung, gar nicht einmal wegen des schlechten Willens der Prediger. Schwierig sind schon die Predigttexte selbst, weil sie aus der damaligen kämpferischen Situation heraus entstanden sind und sich oftmals Gedanken und Formulierungen bedienen, die wir so eigentlich gar nicht übernehmen dürften.
Im Predigttext von heute ist z. B. von der Verstockung des Volkes Israel die Rede. Diejenigen unter den Menschen in Israel damals, die in Jesus nicht den Christus zu erkennen vermochten, werden hier als die Verstockten bezeichnet. Ihr Unverständnis und ihr Widerstand gegen die Interpretation Jesu als Christus wird als Ungehorsam eingeordnet. Eine solche Redeweise und Betrachtungsweise bereitet mir Bauchschmerzen. Es könnte uns trösten, dass derjenige, der hier redet, Paulus ist, der ja selbst Jude war. Das heißt, es spricht hier ein Jude über Juden. Aber ob wir seine Redeweise deswegen so einfach übernehmen können, bleibt dennoch eine Frage.
Ich möchte diesen „Israelsonntag“ einfach dazu nutzen, auf dieses Problem aufmerksam zu machen, dass wir vor der Aufgabe stehen, die Bibelauslegung so vorzunehmen, dass wir sie im persönlichen Gespräch mit einem Juden verantworten könnten - dass wir uns, wie gesagt, dabei freundlich in die Augen schauen und hinterher friedlich auseinander gehen könnten.
Auch wer in Jesu von Nazareth nicht den Messias, den Christus zu erkennen vermag, verdient unseren Respekt. Auch dessen Position ist respektabel. Und unser Anliegen sollte nicht einmal sein, ihn zu missionieren. Wir sollten versuchen, ihn zu verstehen. Wir sollten auch nicht sagen: Irgendwann wirst auch du das noch begreifen. Nein. Es gibt einfach unterschiedliche Wege, Jesus zu interpretieren. Die Moslems haben noch wieder ihre eigene Art, dies zu tun. Und es gibt überhaupt unterschiedliche Wege, unser ganzes Dasein auszulegen und unterschied- lich auf die Grundfragen des Lebens zu antworten.
Gott ist zu groß, als dass einer behaupten könnte, ihn gänzlich zu verstehen. Wir alle verstehen nur bruchstückhaft. Wenn wir uns mit unseren bruchstückhaften Gedanken zusammentun, dann kommen wir der ganzen Wahrheit vielleicht ein wenig näher. Wohl niemals zu unseren Lebzeiten werden wir das Geheimnis Gottes enthüllen. Wir sind alle - Menschen aller Religionen - auf dem Weg. Und diesen sollten wir gehen im gegenseitigen Respekt voreinander - im Bemühen um Verstehen und Verständnis, um Versöhnung und Frieden.
(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 4. August 2002)