Predigt, Predigten, Predigtsammlung, Bibelauslegung, Andachten, Morgenandachten, Wochenspruch, Wochensprüche, Hoheluft, Hamburg-Hoheluft, Wolfgang Nein, St. Markus

9. Sonntag nach Trinitatis (2.8.26)


Religion ist nicht nur Privatsache

13. August 2006 

9. Sonntag nach Trinitatis

Jeremia 1,4-10


Dieser Text führt uns in eine Zeit zurück, die mehr als 2600 Jahre hinter uns liegt. Der geschichtliche Hintergrund des Textes hat allerdings eine traurige Ähnlichkeit mit den aktuellen Ereignissen im Nahen Osten. 

Es ging damals wie heute um die Existenz Israels. Das kleine Land zwischen der Linie See Genezareth, Jordan, Totes Meer im Osten und dem Mittelmeer im Westen war von Anfang an in seiner Existenz immer wieder aufs neue bedroht. Das hängt nicht zuletzt mit seiner geographischen Lage zusammen. Der schmale Streifen zwischen der Arabischen Wüste und dem Mittelmeer war die Durchgangsstation von Nord nach Süd und von Süd nach Nord. Großmächte wie die Ägypter, Assyrier, Babylonier, Perser, Griechen, Römer waren schon vor unserer Zeitrechnung in das Land eingefallen, durch das Land hindurchgezogen, hatten es besetzt, mit ihrer eigenen Kultur und Religion durchsetzt, hatten heilige Stätten, den Tempel in Jerusalem, zerstört, hatten Teile der Bevölkerung ins Exil verschleppt. Zu Beginn unserer Zeitrechnung hat das Römische Reich den Staat Israel vollends aufgelöst, das jüdische Volk in die Diaspora, die weite Welt, hinausgetrieben. Erst nach fast zwei Jahrtausenden, angefüllt mit zeitweise unsagbarem Leid, konnten die Zerstreuten in ihren auf altem Gebiet neu geschaffenen Staat Israel zurückkehren. 

Großmächte hatten von außen die Existenz Israels bedroht. Aber auch von innen war das israelische und jüdische Volk immer wieder zermürbt worden. Das wiederum hing nicht zuletzt mit seiner Entstehungsgeschichte zusammen. Mose hatte sein Volk aus Ägypten heraus und durch die Wüste hindurch geführt bis an den Jordan. Dann führte Josua das Volk über den Jordan hinüber in das Land, das zu jener Zeit Kanaan hieß. Dort wohnten die Kanaanäer. Sie versuchten die Eindringlinge abzuwehren. Die Auseinandersetzungen zwischen den Ansässigen und den Eindringlingen dauerten über Jahrhunderte an. 

Seit Neuschaffung des Staates Israel 1948 erleben wir eine ähnliche Auseinandersetzung – nämlich zwischen der angestammten palästinensischen Bevölkerung und den aus aller Welt in ihr Urland zurückgekehrten Juden. 

Die Sehnsucht vieler Juden, in einem eigenen Land und eben dort, wo sie als Volk entstanden waren, zur Ruhe kommen zu können, hat sich bisher nicht wirklich erfüllt. Die Sehnsucht ist nachvollziehbar nach fast zwei Jahrtausenden in der Fremde, nach Pogromen hier und dort und nach dem Holocaust des 20. Jahrhunderts.

Der jüdische Wunsch nach Heimat und der palästinensische Wunsch nach Heimat stehen jedoch in Spannungen zueinander. Es ist bisher nicht gelungen, die Spannungen zu lösen. Sie entladen sich derzeit wieder in Gewalt und Krieg.

Die politischen und militärischen Probleme haben auch eine religiöse Seite. Denn hinter allem politischen und militärischen Handeln steht das Denken und Fühlen von Menschen, stehen geistige und geistliche und religiöse Vorstellungen, Ziele und Werte, Konzepte, Visionen. Das gilt ganz grundsätzlich immer und überall, ohne dass uns dies immer bewußt ist.

Das Ineinander von Politik und Religion erleben wir seit einigen Jahren sehr ausdrücklich besonders seitens der arabischen Welt. Wir finden die enge Verzahnung von Politik und Religion aber auch auf vielen Seiten des Alten Testamentes, und sie liegt auch dem christlichen Abendland zugrunde. Allerdings haben wir lange gedacht, insbesondere in der Folge von Aufklärung und Emanzipation, dass Religion eine Sache für den Privatbereich, für das stille Kämmerlein sei. 

Das war aber schon immer ein Irrtum. Wir müssen jetzt vielleicht neu lernen, dass unsere religiösen Einstellungen eine grundlegende Rolle in der Gestaltung unserer konkreten Lebensverhältnisse, also eben auch für unser politisches Verhalten spielen und z. B. mit darüber entscheiden, in welcher Weise Konflikte gelöst werden und ob es zu Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzung kommt. 

Wir haben als Einzelne vielleicht eine Scheu davor, unsere religiösen Empfindungen gedanklich mit unseren politischen Vorstellungen zu verbinden und uns entsprechend zu äußern. Wir fühlen uns dafür vielleicht nicht kompetent genug und auch nicht dazu berufen. 

Wenn wir da eine gewisse Scheu haben, dann werden wir nachempfinden können, wie es Jeremia ergangen ist, von dem unser heutiger Predigttext handelt. Jeremia war ein Prophet des 7. Jahrhunderts vor Christus. Das Amt des Propheten bestand darin, zu politischen Vorgängen im Land Stellung zu beziehen. Das war ein religiöses Amt.

Wir lesen in unserem heutigen Text von der göttlichen Berufung Jeremias. „Ich bin zu jung für dieses Amt“, sagt er. Dass er das Prophetenamt abzuwehren versucht, können wir wohl nachvollziehen. Denn es war ein Amt mit hoher Verantwortung und nicht ohne Gefahr für Leib und Leben.

Propheten gab es damals viele. Es fühlten sich viele berufen, im Namen Gottes die Situation im Land zu beurteilen, Empfehlungen zu geben und zu mahnen und zu drohen. Nicht jeder Prophet lag mit seiner Einschätzung richtig. Die Geschichte hat den einen widerlegt, den anderen bestätigt. Das spricht allerdings nicht gegen das Prophetenamt. 

Die Möglichkeit, im Konkreten zu irren, spricht auch nicht dagegen, dass wir uns unsere Gedanken machen, hier und heute, z. B. bezüglich der Vorgänge im Nahen Osten. 

Es geht um politische und militärische Vorgänge. Sie haben aber mit grundsätzlichen Einstellungen religiöser Art zu tun. Es geht um die Frage, wie Konflikte gelöst werden können, wie Frieden geschaffen und bewahrt werden kann. Es geht um das Lebensrecht von Menschen, um den Schutz Unschuldiger. Es geht um Recht und Unrecht. Es geht um das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kultur, unterschiedlicher Religion. Es geht um ein Problem, das seine Auswirkungen weit über die Region hinaus hat, in der der Konflikt gerade gewaltsam ausgetragen wird. Die Auswirkungen sind weltweit. Sie betreffen das Zusammenleben der Menschen und Völker auf diesem Erdball.

Von daher sind wir alle gefordert, jeder einzelne von uns, dass wir uns Gedanken machen, uns informieren und versuchen zu verstehen. Wir sind alle aufgefordert, mit nach Lösungen auszuschauen und zu fragen, was wir selbst zum Guten beitragen können.

Zur terroristischen Bedrohung Israels durch die Hisbolla und die Hamas auf der einen Seite und die kriegerischen Maßnahmen Israels auf der anderen Seite kann ich an dieser Stelle keine großen Ausführungen machen. 

Es geht im Grundsatz um das Lebensrecht Israels, um das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat und um das Miteinander mit den umliegenden arabischen Staaten Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten insbesondere.

Bezüglich konkreter Lösungsmöglichkeiten kann ich Sie auf einen Artikel in der christlichen Zeitschrift Publik-Forum verweisen, den ich für sehr hilfreich halte und der vielleicht auch Ihnen eine Hilfe beim eigenständigen Nachdenken über das Nahostproblem sein könnte. Sprechen Sie mich gern an, wenn Sie an einer Kopie interessiert sind.

Mir ist an dieser Stelle vor allem wichtig, die Anwendung terroristischer und kriegerischer Gewalt zur Lösung von Problemen abzulehnen. 

„Wer zum Schwert greift, wird durch's Schwert umkommen.“ Das ist eine Warnung Jesu vor der Anwendung von Gewalt. „Was der Mensch sät, das wird der Mensch ernten“, sagt Paulus. „Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten.“ Diese Warnungen sollten uns und jedem Menschen im Kopf und Herzen gegenwärtig sein, wenn es um die Lösung von Konflikten geht. 

Es sind nicht fromme Sprüche, von denen behauptet werden könnte, sie hätten mit der Realität nichts zu tun. Sie haben einen hohen Realitätsgehalt. Die Spirale der Gewalt ist eine sehr reale Erfahrung. Es ist nicht möglich, durch eine militärische Aktion – in Anführungszeichen – „reinen Tisch zu machen“ und ein Problem ein für allemal zu lösen, wie es die israelische Regierung – nach amerikanischem Vorbild – gerade versucht. Gewalt erzeugt Gegengewalt, und Hass wird zu weiterem Hass führen. 

Aber auch abgesehen von dieser Erfahrung sollten wir uns vor jeder Versuchung, einen Konflikt gewaltsam zu lösen, in Kopf und Herzen daran erinnern, dass in unserem Glauben jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist. Wir sind dazu aufgerufen, jedem Menschen – auch wenn es uns im Einzelfall schwer fallen mag – mit Respekt und Liebe, Hilfsbereitschaft, der Bereitschaft zur Nachsicht und zur Versöhnung zu begegnen. 

Wer Gewalt anwendet, wird zur Rechtfertigung in der Regel darauf verweisen, dass der andere mit der Aggression begonnen hat und es nur um Selbstverteidigung geht. 

Wir sind, liebe Gemeinde, stets dazu aufgerufen, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun. Die Schuldfrage darf nicht als Rechtfertigung für Gewaltanwendung dienen. Wir sollen nicht nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern versuchen, das Böse mit Gutem zu überwinden. Es ist wenig überzeugend, mit erhobener Faust zum Frieden aufzurufen. 

Im Sinne unseres heutigen Predigttextes möchte ich noch einmal unterstreichen: Wie es konkret in der Welt zugeht, mit welchen Mitteln Politik gemacht wird und wie Konflikte gelöst werden, das ist auch und nicht zuletzt eine Frage unserer religiösen Einstellung.

Die Bibel gibt uns zwar keine eindeutigen Entscheidungs- und Handlungsanweisungen. Aber sie gibt uns eine Grundlage, auf der wir unsere Werte für unser konkretes Leben im Kleinen und im Großen herausbilden können. 

Krieg und Terror sollen nach Gottes Willen nicht sein. Zu dieser Schlussfolgerung sind viele Menschen auf der Grundlage der biblischen Texte gekommen. Ich möchte dies unterstreichen und dazu aufrufen, dass wir das Unsre tun, um Konflikte gewaltfrei zu lösen. 

Gott gebe uns dafür Geduld und Phantasie und guten Willen.

(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 13. August 2006)

 © Wolfgang Nein