Wir sind geliebte Sünder
Römer 5,8
Meinen Konfirmanden habe ich wieder eine Liste von Bibelsprüchen zur Auswahl vorgelegt. Sie sollen sich ihren Konfirmationsspruch selbst aussuchen. Ich bin mir sicher, dass sich auch jetzt wieder eine Mehrzahl von ihnen einen Spruch aussuchen wird, in dem das Wort „Liebe“ vorkommt. Die „Liebe“ ist ein zentrales Thema, nicht nur für Konfirmanden. Ihrer Auswahl der Sprüche liegen sicherlich nicht so sehr theologische Überlegungen zugrunde. Die „Liebe“ ist ein Lebensthema. Sie steht zugleich im Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens. Von daher bildet sie eine gute Grundlage für das Gespräch miteinander.
Schwieriger ist es schon mit dem Thema „Sünde“. Da können wir uns ganz sicher sein: Einen Bibelspruch mit dem Wort „Sünde“ oder „Sünder“ würde ein Konfirmand kaum jemals für sich als Konfirmationsspruch auswählen. In dem Wort „Sünde“ ist eine Kritik enthalten. Die weisen wir gern zunächst einmal von uns. Trotzdem ist auch dies ein Thema, über das man reden kann. Es bedarf freilich einigen Taktgefühls. Der andere muss spüren, dass er nicht von oben herab kritisiert oder gar angeklagt wird. Der andere muss innerlich angenommen werden, im Herzen erobert werden. Er muss zunächst einmal Vertrauen finden, bevor er dann bereit ist, sich selbstkritischen Gedanken auszusetzen. Der andere muss also zunächst einmal ein Stück liebevoller Annahme spüren, bevor er sich selbst infrage stellen kann.
Wenn wir dagegen zunächst Kritik am anderen üben, Ablehnung der Art und des Verhaltens des anderen zum Ausdruck bringen, haben wir ihn vermutlich bereits verloren. Er wird dann gar nicht mehr hören, was wir noch über die Liebe zu sagen haben.
Also lassen Sie uns so Verkündigung betreiben, wie es im Sinne Jesu Christi menschlich ist: Zuerst liebt Gott uns. Er lässt er uns wissen, dass er uns nicht aufgibt, dass er uns bedingungslos annimmt ohne Ansehen der Person - oder vielleicht besser gesagt: trotz Ansehen der Person.
In einem zweiten Schritt lässt er uns wissen, dass er manches an uns nicht in Ordnung findet. Das werden wir ihm dann aber durchaus zugestehen.
Als nächstes erfahren wir, dass er selbst zu unserer Besserung noch das Seinige tut, indem er ein wahrhaft großes Opfer zu unseren Gunsten bringt und wir dadurch motiviert werden, nun unsererseits in Dank- barkeit zu antworten.
Unsere Antwort steht noch aus oder sagen wir: Wir haben es nötig, dass wir immer wieder angesprochen und angestoßen werden. Wir brauchen immer neue Liebesbeweise und immer neue Gespräche über uns selbst. Unsere Antwort bleibt Stückwerk. Aber Gott ist geduldig. So sollen auch wir miteinander geduldig sein.
(Morgenandacht in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 17. März 1981)