Jeremia und Jesus – Verantwortung und Liebe
Jeremia war ein einsamer Mann. Er sah ein furchtbares Schicksal auf sein Volk zukommen. Er mahnte und warnte. Doch niemand wollte auf ihn hören. Spott und Hohn musste er stattdessen ertragen. Seine besten Freunde wandten sich von ihm ab. Und Jeremia wurde verbittert. Er verfluchte den Tag seiner Geburt: „Wäre ich doch im Mutterleib gestorben, dann müsste ich nicht solche Tage der Schmach erleben.“ Und er geht hart ins Gericht mit Gott, der ihn in früher Jugend zum Propheten berufen hatte: „Vergewaltigt hast du mich! Aufgezwungen hast du mir eine Aufgabe, die ich nicht wollte, eine Last, die ich nicht tragen kann!“
Jeremia sieht sich aufgerieben zwischen dem Auftrag Gottes und dem Gespött und den Nachstellungen der Öffentlichkeit und seiner Freunde. Beides will er nicht mehr. Er kann den Druck nicht mehr ertragen. Er möchte sich von seiner Berufung lösen, sein Prophetenamt vergessen, nichts mehr hören und sehen und nicht mehr reden müssen.
Aber wenn er solche Gedanken hat, dann sticht es ihm im Herzen. Er kann seinen Auftrag nicht verraten. Er ist zum Propheten berufen. Und diese Berufung ist für ihn ein unentrinnbarer Zwang. So sieht sich Jeremia zunehmend in eine Tragik verstrickt, die ihm sein Leben verdunkelt. Er muss reden, und er wird doch nicht gehört werden. Er muss warnen und kann doch das Unglück nicht verhindern. So schwingt in allen prophetischen Äußerungen Jeremias ein trauriger Unterton mit. Überschwängliche Hoffnung suchen wir vergebens. Die Klage ist der herrschende Ton.
Was Jeremia seinem Volk vorhält, ist dieses: Es hat seinen Gott verraten und vergessen und gibt sich der kanaanäischen Vielgötterei hin. Jeremia sieht das Verwerfliche nicht nur darin, dass sein Volk nun Götzen nacheifert und religiösen Nullen huldigt. Er beklagt die vollständige Geschichtslosigkeit, die darin zum Ausdruck kommt: „Habt ihr vergessen, dass euer Gott Jahwe euch aus der Sklaverei befreit und euch in ein wunderbares fruchtbares Land geführt hat? Bedeuten euch denn eure früheren guten Erfahrungen gar nichts mehr? Hat euch euer Glaube in der Vergangenheit nicht durch viele Gefahren hindurchgeführt? Und habt ihr nicht viel Gutes durch ihn erfahren? Dann werft doch euren Glauben nicht einfach weg! Steigt doch nicht hinab auf dieses Niveau der hölzernen Götzen. Mit Treue und Dankbarkeit solltet ihr eurem Gott begegnen. Wisst ihr euch eurer Vergangenheit denn gar nicht verpflichtet?! Habt ihr aus der Geschichte denn gar nichts gelernt?!“
Jeremia sieht in dem politischen Unheil, das nun heraufzieht, die Strafe Gottes. Die Babylonier unter Nebukadnezar ziehen aus dem Norden heran. Sie werden, so sagt es Jeremia voraus, Jerusalem zerstören, und nicht nur Jerusalem, sie werden das religiöse Zentrum, den Tempel selbst, zerstören.
Das war nun das Allerschlimmste, was Jeremia tun konnte: den Untergang des Allerheiligsten vorauszusagen. Von so viel künftigem Unheil wollte man in Jerusalem nichts wissen. Jeremia wurde für seine düsteren Visionen gefoltert. Der geschichtliche Verlauf gab ihm allerdings Recht.
Aber Unheilspropheten haben es immer schwer. Von künftigen Katastrophen wollen wir nichts wissen. Nicht nur, dass die Vision des Schrecklichen eine unerträgliche Last wäre. Sie ist auch eine kritische Anfrage an die Gegenwart. Und darin mag das eigentliche Ärgernis liegen, das der Unheilprophet auslöst. Wenn morgen eine Katastrophe über uns kommen wird, dann müssen wir uns heute schon fragen: „Was machen wir falsch? Wo müssen wir uns ändern? Was müssen wir tun, damit das Unglück noch von uns gewendet werde?
Jeremia stellt einen Zusammenhang her zwischen dem gegenwärtigen Verhalten des Volkes und der zukünftigen Bedrohung. Er schließt die Vergangenheit mit ein: Weil ihr aus der Geschichte nichts gelernt habt, weil euch die Geschichte Gottes mit euch nichts bedeutet und ihr nun so treulos oberflächlich dahinlebt, wird es euch bös ergehen.
Jeremia warnt auch davor, allein in politischen Aktionen die Rettung zu suchen. Die Bündnispolitik mit Ägypten wird die Gefahr aus dem Norden nicht aufhalten. Ja, das Bündnis mit Ägypten wird das Unglück aus dem Norden noch geradezu provozieren. Nicht in illusionäre Sicherheit sollen sie sich flüchten, sondern ändern sollen sie sich. Ihre religiösen Grundeinstellungen sollen sie ändern. Sie sollen sich wieder daran erinnern, wo sie herkommen, wem sie ihr Leben verdanken und all das viele Gute, das sie im Laufe der Geschichte ihres Volkes empfangen haben.
Es könnte einer sagen, dass Jeremia die Theologie, die er da verkündet, mit seiner eigenen Person widerlegt. Während er dem Volk predigt, Untreue gegen Gott führe zur Strafe, nämlich in die nationale Katastrophe, und Treue gegen Gott könnte Rettung bewirken, ist Jeremia selbst ein Beispiel dafür, dass auch der Gottergebene dem Leiden schutzlos ausgeliefert ist: „Wie frech brüsten sich die Gottlosen“, klagt Jeremia, „und wie sehr werde ich um deinetwillen, Gott, verspottet und gequält!“ Jeremia erlebt auch in seiner ganzen Tiefe und Schärfe die fragwürdige Gerechtigkeit Gottes: Hat der es nicht viel leichter, der im Heute gedankenlos dahinlebt, der seine Fahne nach dem Wind ausrichtet, der sich arrangiert mit den herrschenden Meinungen?
Das mag wohl alles sein. Dennoch kann Jeremia eine solche leichtlebige, bindungs- und verantwortungslose Grundeinstellung nicht für gut befinden, obwohl er ja selbst mit dem Gedanken gespielt hat, sich aus aller Verantwortung zurückzuziehen. Es gibt für ihn ein Leiden, das es wert ist, durchstanden zu werden, und es gibt ein anderes Leiden, das mit aller Anstrengung vermieden werden sollte. Dieses andere Leiden ist die Folge unseres bösen Tuns, es ist die Strafe, die auf dem Fuße folgt, die Konsequenz unserer irrigen Einstellungen und Verhaltensweisen.
Jeremia dagegen leidet um der Wahrheit willen, um der Wahrheit willen, die in dem Wort Gottes an ihn ergeht. Er kann sich von diesem Wort nicht freimachen. Wenn er auch innerlich fast hin- und hergerissen ist zwischen seinem Auftrag und dem Widerstand, der ihm überall entgegenschlägt, und er mit bitteren Worten seine Klage gegen Gott selbst richtet, so brennt das Feuer der Wahrheit doch unauslöschlich in ihm.
Wenn wir Jeremias Werdegang verfolgen, so können wir wohl sagen, dass er durchgehalten hat, aber er hat eben auch nur durchgehalten. Die Last des Wortes Gottes war für ihn eigentlich zu groß, weil er es sich eben nicht leicht machen konnte.
Er hat das Leiden um seines Auftrags willen auf sich genommen, aber so recht glücklich scheint er nicht geworden zu sein. Das Dunkel hat sich für ihn nicht recht erhellt. Den Widerstand, dem er allenthalben begegnete, hat er nicht überwinden können. Das Unglück hatte er nicht verhindern können. So steht sein Festhalten am Worte Gottes etwas unvermittelt neben der Verständnislosigkeit und der Auflehnung seiner Zeitgenossen.
Wir spüren Jeremia ab, dass der Auftrag Gottes an ihn etwas Fremdes, ein Zwang nämlich war, und wohl ein solcher bis zuletzt geblieben ist.
Ich betone dies, um deutlich zu machen, dass wir in Jesus Christus jemanden haben, der das Leiden um Gottes und der Menschen willen voll und ganz als seinen Auftrag angenommen hat. Zwar hören wir auch ihn einmal Gott anrufen mit den Worten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ Aber er weiß von vornherein, dass er auf Widerstand treffen würde mit seiner Botschaft, dass er verspottet und gequält würde. Und er weiß, dass er dies alles auf sich nehmen und dem nicht verstehenden, noch nicht verstehenden Menschen mit Liebe begegnen muss.
Jeremia wird von der Verständnislosigkeit seiner Mitmenschen fast erdrückt. In ihm ist keine Leichtigkeit mehr. Jesus Christus ist von einer großen Liebe erfüllt. Sie ist weit größer als alles, was ihm an Widerstand entgegenschlägt.
Was man ihm antut, kann ihm im Innersten nichts anhaben, denn seine Liebe ist unerschütterlich. Ihn erfüllt der Unverstand der Menschen mit Mitleid, und er leidet geduldig mit ihnen und für sie. Und weil er so unendlich stark ist und ohne Verbitterung durchhält bis zum Kreuz, und über das Kreuz hinaus der armseligen Kreatur Mensch seine Liebe erweist, kann er schließlich doch manches Herz verwandeln und Menschen zur Umkehr und Nachfolge bewegen. Gebe Gott, dass sich der Glaube an ihn durch Jesus Christus mehre – ihm zur Ehre und uns allen zum Wohle.
(Predigt in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 6. März 1983)