Predigt, Predigten, Predigtsammlung, Bibelauslegung, Andachten, Morgenandachten, Wochenspruch, Wochensprüche, Hoheluft, Hamburg-Hoheluft, Wolfgang Nein, St. Markus

6. Sonntag nach Trinitatis (12.7.26


Gottes Kinder sind die Menschen

11. Juli 1999

6. Sonntag nach Trinitatis

5. Mose 7,6-12


Vor ein paar Ta­gen ha­be ich Be­kann­te be­sucht, die gar nicht in der Kir­che sind, die aber of­fen sind für den christ­li­chen Glau­ben, die ei­gent­lich so­gar auf der Su­che sind. „Nen­nen Sie mir ein paar Bi­bel­stel­len“, sag­te mir die jun­ge Frau. „Nen­nen Sie mir ein paar Bi­bel­stel­len, die mir wei­ter­hel­fen.“ Sie stand auf, noch be­vor ich et­was sa­gen konn­te, hol­te ei­nen Schrei­ber und ein Blatt Pa­pier und sah mich mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit an.

Ich muss­te erst­ einmal wirk­lich nach­den­ken. Dann sag­te ich: „Die Bi­bel hin­ter­ein­an­der - Sei­te für Sei­te - ein­fach durch­le­sen, bringt nichts.“ – „Das ha­be ich ge­merkt“, sag­te mir die Da­me, „ich hab’s ja pro­biert. Ziem­lich bald kommt die Stel­le, wo es heißt: Der zeug­te den und der zeug­te den; spä­te­stens dann schlägt man die Bi­bel ge­nervt zu. Aber da müssen doch“, füg­te die jun­ge Da­me hin­zu, „da müssen doch auch gut les­ba­re Stel­len in der Bi­bel sein, die ei­nem was ge­ben.“

Ich nann­te ihr ein paar bi­bli­sche Ge­schich­ten und Gleich­nis­se: der ver­lo­re­ne Sohn, der barm­her­zi­ge Sa­ma­ri­ter, Za­chäus, die Ehe­bre­che­rin. Es gibt schon schö­ne Ge­schich­ten. Aber das sind im Grun­de im­mer kur­ze Texte ir­gend­wo ver­streut in ei­nem Zu­sam­men­hang, der ziem­lich kom­pli­ziert und ver­wir­rend ist. Die Bi­bel ist ei­gent­lich kein Le­se­buch.

Aber es gibt Bü­cher, in de­nen die schön­sten und wich­tig­sten Bi­bel­ge­schich­ten zu­sam­men­ge­stellt sind. Ich ha­be der Da­me ver­spro­chen, ihr ein paar die­ser Bü­cher zu nen­nen.

Wa­rum er­zäh­le ich das jetzt ei­gent­lich? Weil mir die­se klei­ne Epi­so­de von vor ein paar Ta­gen ein­fiel, als ich mich dar­anmach­te, mich mit dem Pre­digt­text für den heu­ti­gen Tag zu be­schäf­ti­gen. Der ist nun so schwie­rig und pro­ble­ma­tisch - und der Kon­text ist noch pro­ble­ma­ti­scher, dass, wenn be­sag­te Ge­sprächs­part­ne­rin den le­sen oder hö­ren wür­de, sie die Bi­bel viel­leicht für im­mer zu­schla­gen wür­de.

Ich wer­de Ih­nen den Text gleich vor­le­sen aus dem 5. Buch Mo­se, Ka­pi­tel 7, die Ver­se 6-12. Es geht in die­sem Text um Is­rael als das aus­er­wähl­te Volk. Die bei­den Le­sun­gen, die wir eben ge­hört ha­ben, Epi­stel und Evan­ge­li­um, for­dern uns prak­tisch auf, die­sen alt­te­sta­ment­li­chen Text über das aus­er­wähl­te Volk Is­rael mit der Tau­fe in Ver­bin­dung zu brin­gen.

Es ist mir mit Blick auf das Ge­spräch von vor ein paar Ta­gen noch ein­mal klar ge­wor­den, dass bi­bli­sche Texte höchst pro­ble­ma­tisch sein kön­nen und oh­ne Er­läu­te­rung mög­li­cher­wei­se un­ge­nieß­bar oder miss­ver­ständ­lich sind. Es ist oft­mals nicht ein­mal hilf­reich zu sa­gen, man müs­se den Text im grö­ße­ren Zu­sam­men­hang se­hen, man müs­se al­so den Kon­text be­ach­ten, in dem er steht. Das kann die Sa­che noch schlim­mer ma­chen. Man­che bi­bli­sche Sät­ze sind nur ver­träg­lich, wenn sie aus dem Zu­sam­men­hang her­aus­ge­ris­sen wer­den und der Zu­sam­men­hang, in dem sie ste­hen, aus­drück­lich nicht be­rück­sich­tigt wird.

Ich will jetzt aber nicht nur ne­ga­tiv über bi­bli­sche Texte re­den. Es kommt mei­nes Er­ach­tens sehr auf den Um­gang mit ih­nen an. Für mich ist es so, dass - bei rech­ter Be­trach­tung - die bi­bli­schen Texte ei­ne ganz wun­der­ba­re Aus­sa­ge of­fen­ba­ren, ei­nen ro­ten Fa­den, der uns den Weg ins Le­ben weist, ins Le­ben im be­sten Sin­ne des Wor­tes. Die­sen ro­ten Fa­den muss man aber erst ein­mal fin­den. Man­chen Men­schen er­schließt er sich spie­le­risch, an­de­re müs­sen hart daran ar­bei­ten und man­chen bleibt er viel­leicht im­mer ver­bor­gen.

Das al­so vor­weg. Ich le­se jetzt den Pre­digt­text, wie er für den heu­ti­gen Sonn­tag vor­ge­se­hen ist und wie er heu­te wohl in den mei­sten Kir­chen in un­se­rem Land und dar­ü­ber hin­aus Grund­la­ge der Pre­digt ist. ...

Das ist al­so der Text. „Dich hat der Herr aus­er­wählt aus al­len Völ­kern.“ Über den Aus­er­wäh­lungs­ge­dan­ken möch­te ich ein paar Wor­te sa­gen. Das, was uns zu­nächst als pro­ble­ma­tisch auf­stößt, ist die bru­ta­le For­mu­lie­rung in Satz 10: „Gott ver­gilt de­nen, die ihn has­sen, und bringt sie um.“

Al­lein die­ser Satz macht deut­lich, dass wir nicht ein­fach der Aus­sa­ge des Tex­tes fol­gen kön­nen, son­dern dass wir uns un­se­re ei­ge­nen Ge­dan­ken ma­chen müs­sen über den Aus­er­wäh­lungs­ge­dan­ken und dass wir dann in ei­nen kri­ti­schen Di­a­log mit dem Bi­bel­text ein­tre­ten müs­sen. Er wird uns viel­leicht erst dann eine hilf­rei­che Aus­sa­ge ma­chen, wenn wir ei­ni­ge ei­ge­ne Vor­ü­ber­le­gun­gen an­ge­stellt ha­ben.

Ich knüp­fe für die­se Vor­ü­ber­le­gun­gen an ei­nen Satz an, der auch in die­sem Bi­bel­ab­schnitt steht: „Gott hat euch nicht an­ge­nom­men und er­wählt, weil ihr grö­ßer wä­ret als al­le Völ­ker - denn du bist das klein­ste un­ter al­len Völ­kern -, son­dern weil er euch ge­liebt hat.“

Das hört sich doch schon recht sym­pa­thisch und nach­voll­zieh­bar an. Ich muss so­fort an die Trau­ung von ge­stern den­ken; ei­ni­ge von Ih­nen wa­ren ja da­bei. Da ha­ben zwei ge­hei­ra­tet. Die sind sich mal be­geg­net - schon vor län­ge­rer Zeit - und ha­ben sich für­ein­an­der ent­schie­den. Viel­leicht hat sie ihn mal in ei­ner stil­len Stun­de ge­fragt: „Wa­rum hast du denn ge­ra­de mich ge­nom­men?“ Oder viel­leicht hat er sie mal ge­fragt: „Wa­rum hast du dich denn ge­ra­de für mich ent­schie­den?“

Was mö­gen die bei­den dann wohl ge­ant­wor­tet ha­ben? Weil du so schön bist? Weil du so stark bist? Weil du so klug bist? Weil du so groß bist? Weil du so schön sin­gen kannst? Weil du so viel Geld ver­dienst? Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass da ir­gend­ei­ne die­ser Ant­wor­ten bei her­aus­ge­kom­men sein könn­te. Wenn die bei­den sich die­se Fra­ge wirk­lich mal so di­rekt ge­stellt ha­ben soll­ten: „Wa­rum hast du ge­ra­de mich er­wählt aus den vie­len an­de­ren jun­gen Män­nern und jun­gen Frau­en?“, dann wird die Ant­wort al­ler Wahr­schein­lich­keit nach wohl ge­lau­tet ha­ben: „Weil ich dich mag, weil ich dich gern ha­be, weil ich dich lie­be.“ Ei­ne Ant­wort al­so - nicht an­ders als die im Bi­bel­text.

Nun hat die­se Er­wäh­lung ja Kon­se­quen­zen, wenn sie denn beid­sei­tig ist. Dann führt sie näm­lich kon­se­quen­ter­wei­se in ein Treu­e­ver­hält­nis hin­ein. Auch davon ist in un­se­rem Text die Re­de. Ein Treu­e­ver­hält­nis ist mit ge­wis­sen Ex­klu­si­vi­täts­rech­ten oder -an­sprü­chen ver­bun­den. Um das zu­nächst ein­mal auf der mensch­li­chen Ebe­ne dar­zu­stel­len: Wenn sich zwei ge­gen­sei­tig in Lie­be aus­er­wählt und sich die bei­den für­ein­an­der ent­schie­den ha­ben, dann sind die an­de­ren Män­ner und Frau­en in man­cher Hin­sicht au­ßen vor. Ein Lie­bes­ver­hält­nis hat - von sei­nem We­sen her - ein ge­wis­ses Maß an Ex­klu­si­vi­tät. Das, fin­de ich, darf das Paar Au­ßen­ste­hen­den zu­mu­ten und muss von die­sen auch re­spek­tiert wer­den, wenn das viel­leicht auch man­chen manch­mal schwer­fal­len mag.

Pro­ble­ma­tisch wird das be­rech­tig­te Be­dürf­nis nach Ex­klu­si­vi­tät dann, wenn es in Ag­gres­si­vi­tät um­schlägt, wenn der Ge­lieb­te der Gu­te ist und al­le an­dern die Bö­sen sind, um das mal et­was ver­ein­facht zu sa­gen.

Es gibt Paa­re, die sind so sehr Paar, dass man sich in ih­rer Nä­he un­wohl fühlt oder sich gar be­droht fühlt.

Ich möch­te auf den bi­bli­schen Text zu­rück­kom­men. Da ist von ei­ner Lie­bes­be­zie­hung be­son­de­rer Art die Re­de, von ei­ner Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen Gott und dem Volk Is­rael. Die­se Be­zie­hung unter­schei­det sich grund­sätz­lich von der zwi­schen zwei Men­schen da­durch, dass wir Gott als zu­stän­dig für al­le Men­schen ver­ste­hen. Der Be­zie­hung zwi­schen Gott und dem Volk Is­rael das Recht auf Ex­klu­si­vi­tät zu­zu­bil­li­gen, ver­trägt sich nicht recht mit un­se­rem Got­tes­ver­ständ­nis.

An­ders ist es, wenn wir uns dar­auf ver­stän­di­gen könn­ten zu sa­gen: Der Gott Is­raels war der Gott „Jah­we“, und wenn wir Jah­we als ei­nen von vie­len Göt­tern ver­stün­den. Aber die Is­rae­li­ten ha­ben Jah­we selbst als den ei­nen Gott ver­stan­den. So steht es auch aus­drück­lich in un­se­rem Text. Von da­her ha­ben wir hier ein Pro­blem mit der Ex­klu­si­vi­tät.

Die­ses Pro­blem ist uns übri­gens auch heu­te nicht un­be­kannt. Wir selbst als Chri­sten ver­ste­hen Gott auch als den ei­nen Gott und wol­len ihn den­noch gern für uns al­lein, für uns als Christen al­lein - ex­klu­siv - in An­spruch neh­men. Wir wol­len es nicht so recht wahr­ha­ben, dass un­ser Gott auch der Gott für die Men­schen in Asien und in der ara­bi­schen Welt oder bei den Na­tur­völ­kern ist. Auch un­ter Chri­sten ist das Be­dürf­nis nach Ex­klu­si­vi­tät nicht sel­ten in Ag­gres­si­vi­tät um­ge­schla­gen.

Wenn wir Gott als den ei­nen Gott ver­ste­hen, dann müs­sen wir ein­fach zu­las­sen, dass an­de­re Men­schen und an­de­re Völ­ker ein ei­ge­nes und ei­gen­stän­di­ges Ver­hält­nis zu die­sem ei­nen Gott ha­ben.

Die­ses so ver­stan­de­ne Ver­hält­nis Gott-Mensch ist we­ni­ger mit der Be­zie­hung zwi­schen Ehe­leu­ten als viel­mehr mit der Be­zie­hung zwi­schen El­tern und Kin­dern zu ver­ste­hen, zwi­schen der Mut­ter und den Kin­dern oder dem Va­ter und den Kin­dern. Es han­delt sich ja auch da um ei­ne Lie­bes­be­zie­hung, ei­ne, die al­ler­dings meh­re­re Lie­bes­be­zie­hun­gen ne­ben­ein­an­der dul­det. Kin­der stel­len zwar ge­le­gent­lich Ex­klu­si­vi­täts­an­sprü­che und wol­len die El­tern für sich al­lein ha­ben. Aber sol­che An­sprü­che sind nicht be­rech­tigt.

Wenn wir Gott nun als den Va­ter oder als die Mut­ter al­ler Men­schen ver­ste­hen, dann müs­sen wir ei­ne ei­gen­stän­di­ge le­gi­ti­me Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen je­dem ein­zel­nen Men­schen und Gott oder auch z. B. je­der ein­zel­nen Kul­tur und Gott ak­zep­tie­ren.

Gott, der Va­ter oder die Mut­ter je­des ein­zel­nen Men­schen - die­ses Bild stel­len wir als Chri­sten ri­tuell in der Tau­fe dar. Man­che un­ter uns nei­gen zu der An­nah­me, erst durch Tau­fe wür­de die­ses Kind­schafts­ver­hält­nis her­ge­stellt, erst durch die Tau­fe wür­den wir zu Kin­dern Got­tes und al­le Nicht­ge­tauf­ten seien - und die­ser Be­griff trägt eben ei­nen ne­ga­ti­ven und ab­wer­ten­den Klang - al­le Nicht­ge­tauf­ten seien Hei­den. Der ro­te Fa­den der Bi­bel, wie er für mich er­kenn­bar ge­wor­den ist, ver­weist mich vor­ran­gig auf die Bi­bel­stel­len, die sa­gen: Al­le Men­schen sind Ge­schöp­fe Got­tes und ge­lieb­te Kin­der Got­tes - von vorn­her­ein, oh­ne wei­te­res Zu­tun. In­dem wir die Tau­fe voll­zie­hen, stel­len wir die­ses be­reits vor­han­de­ne Ver­hält­nis ri­tuell dar, las­sen es uns noch ein­mal aus­drück­lich zu­spre­chen und feiern es.

Die bi­bli­schen Texte, in de­nen sich die Ge­ne­ra­tio­nen ei­nes gan­zen Jahr­tau­sends zum Aus­druck ge­bracht ha­ben -, die bi­bli­schen Texte han­deln von ei­ner Lie­bes­be­zie­hung, von der Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen Gott und dem Men­schen, zwi­schen Gott und ei­nem be­stimm­ten Volk. Wir spü­ren un­se­rem Text und vie­len an­de­ren bi­bli­schen Tex­ten das Rin­gen um die Ge­stal­tung die­ser Lie­bes­be­zie­hung ab. Wir kön­nen, mei­ne ich, ei­ne Ent­wick­lung wahr­neh­men von der Ex­klu­si­vi­tät ei­ner Zweier­be­zie­hung hin zur Of­fen­heit der Lie­bes­be­zie­hung, wie sie für ei­ne gro­ße Fa­mi­lie kenn­zeich­nend ist. Die Men­schen der Bi­bel wa­ren dies­be­züg­lich noch auf dem Weg, und auch wir sind noch auf dem Weg, an­zu­neh­men und zu le­ben, dass al­le Men­schen ge­lieb­te Kin­der des ei­nen Got­tes sind und da­durch un­ter­ein­an­der ver­bun­den sind zu ei­ner gro­ßen Fa­mi­lie.

Auf die­sem Weg der Lie­be und des Frie­dens befinden wir uns und gehen hin auf ein schö­nes Ziel, mit ei­ner Ver­hei­ßung im Rücken und ge­stärkt durch die Kraft des Hei­li­gen Gei­stes. Mö­gen vie­le auf die­sem Weg mit­ge­hen.

(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 11. Juli 1999)

 © Wolfgang Nein