Gottes Kinder sind die Menschen
11. Juli 1999
6. Sonntag nach Trinitatis
5. Mose 7,6-12
Vor ein paar Tagen habe ich Bekannte besucht, die gar nicht in der Kirche sind, die aber offen sind für den christlichen Glauben, die eigentlich sogar auf der Suche sind. „Nennen Sie mir ein paar Bibelstellen“, sagte mir die junge Frau. „Nennen Sie mir ein paar Bibelstellen, die mir weiterhelfen.“ Sie stand auf, noch bevor ich etwas sagen konnte, holte einen Schreiber und ein Blatt Papier und sah mich mit großer Aufmerksamkeit an.
Ich musste erst einmal wirklich nachdenken. Dann sagte ich: „Die Bibel hintereinander - Seite für Seite - einfach durchlesen, bringt nichts.“ – „Das habe ich gemerkt“, sagte mir die Dame, „ich hab’s ja probiert. Ziemlich bald kommt die Stelle, wo es heißt: Der zeugte den und der zeugte den; spätestens dann schlägt man die Bibel genervt zu. Aber da müssen doch“, fügte die junge Dame hinzu, „da müssen doch auch gut lesbare Stellen in der Bibel sein, die einem was geben.“
Ich nannte ihr ein paar biblische Geschichten und Gleichnisse: der verlorene Sohn, der barmherzige Samariter, Zachäus, die Ehebrecherin. Es gibt schon schöne Geschichten. Aber das sind im Grunde immer kurze Texte irgendwo verstreut in einem Zusammenhang, der ziemlich kompliziert und verwirrend ist. Die Bibel ist eigentlich kein Lesebuch.
Aber es gibt Bücher, in denen die schönsten und wichtigsten Bibelgeschichten zusammengestellt sind. Ich habe der Dame versprochen, ihr ein paar dieser Bücher zu nennen.
Warum erzähle ich das jetzt eigentlich? Weil mir diese kleine Episode von vor ein paar Tagen einfiel, als ich mich daranmachte, mich mit dem Predigttext für den heutigen Tag zu beschäftigen. Der ist nun so schwierig und problematisch - und der Kontext ist noch problematischer, dass, wenn besagte Gesprächspartnerin den lesen oder hören würde, sie die Bibel vielleicht für immer zuschlagen würde.
Ich werde Ihnen den Text gleich vorlesen aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 7, die Verse 6-12. Es geht in diesem Text um Israel als das auserwählte Volk. Die beiden Lesungen, die wir eben gehört haben, Epistel und Evangelium, fordern uns praktisch auf, diesen alttestamentlichen Text über das auserwählte Volk Israel mit der Taufe in Verbindung zu bringen.
Es ist mir mit Blick auf das Gespräch von vor ein paar Tagen noch einmal klar geworden, dass biblische Texte höchst problematisch sein können und ohne Erläuterung möglicherweise ungenießbar oder missverständlich sind. Es ist oftmals nicht einmal hilfreich zu sagen, man müsse den Text im größeren Zusammenhang sehen, man müsse also den Kontext beachten, in dem er steht. Das kann die Sache noch schlimmer machen. Manche biblische Sätze sind nur verträglich, wenn sie aus dem Zusammenhang herausgerissen werden und der Zusammenhang, in dem sie stehen, ausdrücklich nicht berücksichtigt wird.
Ich will jetzt aber nicht nur negativ über biblische Texte reden. Es kommt meines Erachtens sehr auf den Umgang mit ihnen an. Für mich ist es so, dass - bei rechter Betrachtung - die biblischen Texte eine ganz wunderbare Aussage offenbaren, einen roten Faden, der uns den Weg ins Leben weist, ins Leben im besten Sinne des Wortes. Diesen roten Faden muss man aber erst einmal finden. Manchen Menschen erschließt er sich spielerisch, andere müssen hart daran arbeiten und manchen bleibt er vielleicht immer verborgen.
Das also vorweg. Ich lese jetzt den Predigttext, wie er für den heutigen Sonntag vorgesehen ist und wie er heute wohl in den meisten Kirchen in unserem Land und darüber hinaus Grundlage der Predigt ist. ...
Das ist also der Text. „Dich hat der Herr auserwählt aus allen Völkern.“ Über den Auserwählungsgedanken möchte ich ein paar Worte sagen. Das, was uns zunächst als problematisch aufstößt, ist die brutale Formulierung in Satz 10: „Gott vergilt denen, die ihn hassen, und bringt sie um.“
Allein dieser Satz macht deutlich, dass wir nicht einfach der Aussage des Textes folgen können, sondern dass wir uns unsere eigenen Gedanken machen müssen über den Auserwählungsgedanken und dass wir dann in einen kritischen Dialog mit dem Bibeltext eintreten müssen. Er wird uns vielleicht erst dann eine hilfreiche Aussage machen, wenn wir einige eigene Vorüberlegungen angestellt haben.
Ich knüpfe für diese Vorüberlegungen an einen Satz an, der auch in diesem Bibelabschnitt steht: „Gott hat euch nicht angenommen und erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat.“
Das hört sich doch schon recht sympathisch und nachvollziehbar an. Ich muss sofort an die Trauung von gestern denken; einige von Ihnen waren ja dabei. Da haben zwei geheiratet. Die sind sich mal begegnet - schon vor längerer Zeit - und haben sich füreinander entschieden. Vielleicht hat sie ihn mal in einer stillen Stunde gefragt: „Warum hast du denn gerade mich genommen?“ Oder vielleicht hat er sie mal gefragt: „Warum hast du dich denn gerade für mich entschieden?“
Was mögen die beiden dann wohl geantwortet haben? Weil du so schön bist? Weil du so stark bist? Weil du so klug bist? Weil du so groß bist? Weil du so schön singen kannst? Weil du so viel Geld verdienst? Ich kann mir nicht vorstellen, dass da irgendeine dieser Antworten bei herausgekommen sein könnte. Wenn die beiden sich diese Frage wirklich mal so direkt gestellt haben sollten: „Warum hast du gerade mich erwählt aus den vielen anderen jungen Männern und jungen Frauen?“, dann wird die Antwort aller Wahrscheinlichkeit nach wohl gelautet haben: „Weil ich dich mag, weil ich dich gern habe, weil ich dich liebe.“ Eine Antwort also - nicht anders als die im Bibeltext.
Nun hat diese Erwählung ja Konsequenzen, wenn sie denn beidseitig ist. Dann führt sie nämlich konsequenterweise in ein Treueverhältnis hinein. Auch davon ist in unserem Text die Rede. Ein Treueverhältnis ist mit gewissen Exklusivitätsrechten oder -ansprüchen verbunden. Um das zunächst einmal auf der menschlichen Ebene darzustellen: Wenn sich zwei gegenseitig in Liebe auserwählt und sich die beiden füreinander entschieden haben, dann sind die anderen Männer und Frauen in mancher Hinsicht außen vor. Ein Liebesverhältnis hat - von seinem Wesen her - ein gewisses Maß an Exklusivität. Das, finde ich, darf das Paar Außenstehenden zumuten und muss von diesen auch respektiert werden, wenn das vielleicht auch manchen manchmal schwerfallen mag.
Problematisch wird das berechtigte Bedürfnis nach Exklusivität dann, wenn es in Aggressivität umschlägt, wenn der Geliebte der Gute ist und alle andern die Bösen sind, um das mal etwas vereinfacht zu sagen.
Es gibt Paare, die sind so sehr Paar, dass man sich in ihrer Nähe unwohl fühlt oder sich gar bedroht fühlt.
Ich möchte auf den biblischen Text zurückkommen. Da ist von einer Liebesbeziehung besonderer Art die Rede, von einer Liebesbeziehung zwischen Gott und dem Volk Israel. Diese Beziehung unterscheidet sich grundsätzlich von der zwischen zwei Menschen dadurch, dass wir Gott als zuständig für alle Menschen verstehen. Der Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel das Recht auf Exklusivität zuzubilligen, verträgt sich nicht recht mit unserem Gottesverständnis.
Anders ist es, wenn wir uns darauf verständigen könnten zu sagen: Der Gott Israels war der Gott „Jahwe“, und wenn wir Jahwe als einen von vielen Göttern verstünden. Aber die Israeliten haben Jahwe selbst als den einen Gott verstanden. So steht es auch ausdrücklich in unserem Text. Von daher haben wir hier ein Problem mit der Exklusivität.
Dieses Problem ist uns übrigens auch heute nicht unbekannt. Wir selbst als Christen verstehen Gott auch als den einen Gott und wollen ihn dennoch gern für uns allein, für uns als Christen allein - exklusiv - in Anspruch nehmen. Wir wollen es nicht so recht wahrhaben, dass unser Gott auch der Gott für die Menschen in Asien und in der arabischen Welt oder bei den Naturvölkern ist. Auch unter Christen ist das Bedürfnis nach Exklusivität nicht selten in Aggressivität umgeschlagen.
Wenn wir Gott als den einen Gott verstehen, dann müssen wir einfach zulassen, dass andere Menschen und andere Völker ein eigenes und eigenständiges Verhältnis zu diesem einen Gott haben.
Dieses so verstandene Verhältnis Gott-Mensch ist weniger mit der Beziehung zwischen Eheleuten als vielmehr mit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu verstehen, zwischen der Mutter und den Kindern oder dem Vater und den Kindern. Es handelt sich ja auch da um eine Liebesbeziehung, eine, die allerdings mehrere Liebesbeziehungen nebeneinander duldet. Kinder stellen zwar gelegentlich Exklusivitätsansprüche und wollen die Eltern für sich allein haben. Aber solche Ansprüche sind nicht berechtigt.
Wenn wir Gott nun als den Vater oder als die Mutter aller Menschen verstehen, dann müssen wir eine eigenständige legitime Liebesbeziehung zwischen jedem einzelnen Menschen und Gott oder auch z. B. jeder einzelnen Kultur und Gott akzeptieren.
Gott, der Vater oder die Mutter jedes einzelnen Menschen - dieses Bild stellen wir als Christen rituell in der Taufe dar. Manche unter uns neigen zu der Annahme, erst durch Taufe würde dieses Kindschaftsverhältnis hergestellt, erst durch die Taufe würden wir zu Kindern Gottes und alle Nichtgetauften seien - und dieser Begriff trägt eben einen negativen und abwertenden Klang - alle Nichtgetauften seien Heiden. Der rote Faden der Bibel, wie er für mich erkennbar geworden ist, verweist mich vorrangig auf die Bibelstellen, die sagen: Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes und geliebte Kinder Gottes - von vornherein, ohne weiteres Zutun. Indem wir die Taufe vollziehen, stellen wir dieses bereits vorhandene Verhältnis rituell dar, lassen es uns noch einmal ausdrücklich zusprechen und feiern es.
Die biblischen Texte, in denen sich die Generationen eines ganzen Jahrtausends zum Ausdruck gebracht haben -, die biblischen Texte handeln von einer Liebesbeziehung, von der Liebesbeziehung zwischen Gott und dem Menschen, zwischen Gott und einem bestimmten Volk. Wir spüren unserem Text und vielen anderen biblischen Texten das Ringen um die Gestaltung dieser Liebesbeziehung ab. Wir können, meine ich, eine Entwicklung wahrnehmen von der Exklusivität einer Zweierbeziehung hin zur Offenheit der Liebesbeziehung, wie sie für eine große Familie kennzeichnend ist. Die Menschen der Bibel waren diesbezüglich noch auf dem Weg, und auch wir sind noch auf dem Weg, anzunehmen und zu leben, dass alle Menschen geliebte Kinder des einen Gottes sind und dadurch untereinander verbunden sind zu einer großen Familie.
Auf diesem Weg der Liebe und des Friedens befinden wir uns und gehen hin auf ein schönes Ziel, mit einer Verheißung im Rücken und gestärkt durch die Kraft des Heiligen Geistes. Mögen viele auf diesem Weg mitgehen.
(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft, am 11. Juli 1999)
