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5. Sonntag nach Trinitatis (5.7.26)


Im Auftrag eines Höheren

12. Juli 2009

5. Sonntag nach Trinitatis

Lukas 5,1-11


Die Jünger waren in der Nacht auf dem See, um Fische zu fangen. Ihr Fang ging leer aus. Nun fordert Jesus sie auf: „Fahrt noch einmal hinaus.“ Sie folgen seinem Auftrag. Und jetzt füllen sich die Netze bis zum Bersten. Am Ende das Wort Jesu zu Simon Petrus: „Von nun an wirst du Menschen fangen.“

Dies könnte fast eine Pfingstgeschichte sein. Es geht um die Weitergabe der christlichen Botschaft, darum, Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen. Es geht – kirchlich gesprochen – um den Auftrag zur Mission. Und es geht dabei um Erfolg und Misserfolg. Die Fischfanggeschichte liefert uns dazu eine bildhafte Diskussionsgrundlage. 

Was ist der Unterschied zwischen dem ersten erfolglosen Fang der Jünger und dem zweiten erfolgreichen? War das einfach nur Zufall? War es der etwas andere Zeitpunkt der Ausfahrt auf den See? Was sagt uns die Geschichte zu dieser Frage? Sie antwortet: „Der Unterschied zwischen dem erfolglosen und dem erfolgreichen Fang liegt in der Beauftragung durch Jesus.“ Beim ersten Mal waren die Jünger quasi privat hinausgefahren. Beim zweiten Mal waren sie in seinem Auftrag auf den See gefahren. Zu Pfingsten empfangen die Jünger den Geist Jesu, um seine Botschaft erfolgreich weitergeben zu können. In der heutigen Fischfanggeschichte werden die Jünger mit seinem Auftrag ausgestattet. Der Auftrag Jesu macht den Unterschied zum erfolglosen Fischfang. 

Ist das erstaunlich? Ist das ungewöhnlich? Keineswegs. Lösen wir uns einmal von dieser bildhaften Geschichte vom Fischfang und wenden wir uns dem zu, was Jesus meint: nämlich Menschen zu gewinnen für den Glauben, den er anzubieten hat. 

Finden wir es nicht in unserer Erfahrung bestätigt, dass es einen Unterschied macht, ob einer als Privatperson versucht, den christlichen Glauben zu vermitteln,  oder ob dies einer quasi offiziell unternimmt im Auftrag Jesu? Mir erzählte kürzlich einer etwas über einen Besuch bei einer älteren Dame: „Wenn ich sie besuche“, sagte er über sich selbst, „und ihr dies und jenes sage, hört sie nur mit halbem Ohr zu und lässt sich zu nichts bewegen. Wenn der Pastor kommt, ist das ganz anders.“

Dies ist jetzt etwas banal formuliert. Aber ist da nicht ein bisschen was Wahres dran? Mir geht es selbst auch so: Wenn ich etwas privat sage, hat es eher geringes Gewicht. Wenn ich mich aber offiziell äußere – von Amts wegen – und vielleicht noch im Talar und vielleicht sogar in der Kirche wie jetzt, ist die Aufmerksamkeit eine ganz andere. 

Wie kann das sein? Was steckt dahinter?

Der Unterschied liegt in der Erkennbarkeit des Auftrags, in der Erkennbarkeit der letztlichen Quelle dessen, was wir sagen, was wir weitergeben. Wenn für den anderen klar ist, dass nicht wir selbst als Privatpersonen die Quelle der Weisheit sind, sondern ein anderer Größerer, Höherer, Bedeutenderer, dann ist das Interesse zuzuhören und die Bereitschaft, etwas im Herzen hin und her zu bewegen und vielleicht sogar anzunehmen, um ein Vielfaches größer.

Dieses Interesse und diese Bereitschaft können sich um ein weiteres Vielfaches steigern, je eindrücklicher die Präsenz der letztlichen Quelle der Botschaft gestaltet wird. Wenn die christliche Botschaft z. B. in Rom verkündet wird aus einem imposanten kirchlichen Gebäude heraus, von einem Menschen an der Spitze der kirchlichen Hierarchie, gekleidet in eindrucksvollen Gewändern mit einem in höchstem Maße festlich gestalteten liturgischen Rahmen und mit dem ausdrücklichen Anspruch, im Namen Gottes zu reden, dann kann ein Wort wie „Haltet Frieden“ zu einer weltpolitischen Aussage werden. Wenn Herr Josef Ratzinger diesen selben Satz vielleicht damals als Zwanzigjähriger ohne Amt und Würden zu irgendjemandem gesagt hat, dann wird die Reaktion vermutlich eher gewesen sein: „Klar, wir sollen Frieden halten. Das wissen wir doch.“

Wenn zwei etwas sagen, ist es längst nicht das Gleiche, auch wenn es sich um die gleichen Worte handelt. Es kommt auch darauf an, was und wer dahinter steckt und was drumherum ist. 

Die Jünger fischen beim zweiten Mal im Auftrag Jesu. Das macht den Unterschied. Die Fische wissen das nicht. Aber die Fischfanggeschichte ist ja eine gleichnishafte Bildergeschichte: Sie will uns anschaulich etwas aussagen über die Weitergabe des christlichen Glaubens. Sie will uns zeigen, wie Menschen denen – in Anführungszeichen – „ins Netz gehen“, die sich im Auftrag Jesu um sie bemühen.

Es stimmt natürlich andererseits auch, das nicht jeder auf den offiziellen Verkünder des christlichen Glaubens und auf das kirchliche Drumherum positiv reagiert, sondern vielleicht sogar eher ablehnend. Mancher ist sogar erst dann bereit, unvoreingenommen zuzuhören, wenn derjenige, der ihm etwas zu sagen hat, unverdächtig ist, sprich: gerade nicht offiziell und von Amt wegen etwas sagt.

Eine grundsätzliche Offenheit für das Christliche und das Kirchliche ist schon Voraussetzung dafür, dass die Bemühungen um die Weitergabe des christlichen Glaubens bei dem anderen überhaupt etwas bewirken können. Jesus hat es selbst auch erlebt, wie er mit seinen Worten auf taube Ohren stieß und wie er mit seinen Taten das Gegenteil von dem erreichte, was er beabsichtigte: dass er bei manchen statt Zustimmung vielmehr Missmut und Ärger und Ablehnung und Widerstand erzeugte. 

Es ist schon im wahrsten Sinne des Wortes etwas Wunderbares, wenn einem zugehört wird, wenn das, was wir  über den christlichen Glauben zu sagen haben, interessiert, wohlwollend, verständnisvoll aufgenommen wird und wir das Gefühl haben können, dass die Worte ins Herz gehen. Da sind wir vielleicht selbst ganz erstaunt und fragen uns innerlich ganz beglückt: „Was passiert hier jetzt eigentlich?“ Und wir können dann vielleicht die Pfingstgeschichte nachempfinden mit dem Pfingstwunder, in der es der Geist von oben ist, der sich ausbreitet und möglich macht, was wir  eben noch in unserer Verzagtheit vielleicht gar nicht so recht für möglich gehalten hatten. 

Die Jünger haben sich auch sehr gewundert, dass ihnen beim zweiten Mal plötzlich die Fische zuhauf ins Netz gingen. Petrus war das sogar unheimlich. Er war zunächst weniger beglückt als vielmehr erschrocken über so viel Erfolg. Er hat in diesem Augenblick ganz tief den Unterschied empfunden zwischen sich selbst als Privatperson, als Simon Petrus, und dem, dessen Auftrag zu diesem unglaublich erfolgreichen Fischfang geführt hatte. Ihm war klar: Dieser Erfolg lag an dem anderen, der etwas Übermenschliches an sich haben musste. Simon Petrus kam sich plötzlich ganz klein und unfähig und nichtig vor, ja schlimmer noch: „Ich bin ein sündhafter Mensch“, sagt er. 

Das war es natürlich nicht, was Jesus bei ihm auslösen wollte. Er wollte den Jüngern nicht zeigen, wie unfähig sie sind und wie großartig er selbst ist. Er wollte den Jüngern helfen, auf ihn zu vertrauen und darauf zu vertrauen, dass sie Menschen für seine Botschaft gewinnen können, wenn sie sich ihm und seinem Auftrag anvertrauen. 

Wir können im Nachhinein feststellen, dass die Jünger sich tatsächlich auf seinen Auftrag eingelassen haben und dass es ihnen wirklich gelungen ist, Menschen zum Glauben an Christus zu bewegen und dass ihre Bemühungen nachhaltig erfolgreich gewesen sind, sonst säßen wir jetzt nicht hier. Wir können ihnen nur dankbar sein, dass sie sich, wie Jesus es hier sagt, zu „Menschenfischern“ haben machen lassen, ein Begriff, der allerdings etwas zweischneidig ist.

Die Jünger haben die Menschen nicht eingefangen wie die Fische, die in Wirklichkeit lieber weiter in Freiheit durch die See geschwommen wären. Die Jünger haben Überzeugungsarbeit geleistet – und zwar zu einem guten Teil durch eine sehr eindrückliche Glaubwürdigkeit. Da gibt es einige sehr schöne Beispiele in der Apostelgeschichte, in der Lukas die Ausbreitung des christlichen Glaubens beschreibt. 

Sehr schön finde ich z. B. die Geschichte von Paulus und Silas, die beide wegen ihrer Missionstätigkeit im Gefängnis saßen. Dann zerbrach ein Erdbeben die Gefängnismauern. Die beiden hätten davonlaufen können. Das taten sie aber nicht, weil sie nicht wollten, dass der Gefängniswärter wegen entlaufener Gefangener Schwierigkeiten bekommen würde. Sie blieben freiwillig im Gefängnis. Das beeindruckte den Gefängniswärter so sehr, dass er sich taufen ließ. 

Die Jünger waren von der Botschaft Jesu so erfüllt, dass sie sie wirklich lebten. Wer mit ihnen zu tun hatte, spürte, dass sie vom Auftrag und vom Geist Jesu erfüllt waren und dass es ein guter Auftrag war und ein guter Geist.

Es müssen nicht der Talar sein und die prunkvolle Kirche und die machtvolle Institution, die den göttlichen Auftrag Jesu anschaubar machen. Es können auch das schlichte wahre Wort und die glaubwürdige Tat und der wahrhaftige Mensch sein, die zum Glauben überzeugen. 

Luther hat dies betont und hat vom allgemeinen Priestertum gesprochen. Jeder von uns, mit offiziellem Amt oder ohne, kann den Glauben an Christus und an den liebenden, vergebenden Gott vollmächtig weitergeben. Jeder von uns sogar dann, wenn wir uns nicht so glaubwürdig verhalten. Auch das muss hier gesagt werden. Denn wir sind, wie Simon Petrus von sich selbst zutreffend sagte: „Wir sind alle Sünder.“

Wir sind alle, auch als schwache Gestalten wie die Jünger damals, beauftragt durch Jesus, der uns Mut macht, unsere Verzagtheit über Bord zu werfen und auf die Menschen zuzugehen – das Wort Jesu im Rücken: „Wenn ihr zu den Menschen sprecht, dann bin ich es, der zu ihnen redet.“

Uns ist eine ganz große und wunderbare Botschaft anvertraut. Sie ist etwas Kostbares und Heiliges. Sie ist viel größer, als dass wir sie mit unserer persönlichen menschlichen und allzu menschlichen Art und mit noch so aufwendigen Gestaltungsversuchen jemals auch nur annähernd abbilden und gewährleisten könnten. Dennoch sind wir dazu berufen und beauftragt, von der Liebe Gottes zu reden und sie zu bezeugen, so gut wir können. Er selbst, Jesus, wirkt mit seiner göttlichen Art auch durch unsere unvollkommenen Bemühungen hindurch und kann möglich machen, was wir selbst kaum für möglich halten.

(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 12. Juli 2009)

 © Wolfgang Nein