Freude statt Vorhaltungen
27. Juni 1993
3. Sonntag nach Trinitatis
Lukas 15,1-3.11b-32
Ich bitte Sie, sich vor Ihrem geistigen Auge einmal eine Linie vorzustellen und diese Linie durch zwei Markierungen in drei Abschnitte zu unterteilen. Das sollen Abschnitte eines Lebens sein. 1. Abschnitt: Der Mensch lebt in kindlicher Unschuld und Geborgenheit. 2. Abschnitt: Der Mensch vergeht sich auf den Irrwegen seines selbstgewählten Lebens. 3. Abschnitt: Der Mensch besinnt sich und beginnt ein neues Leben. Die Übergänge von einem Abschnitt zum anderen sind die Wendepunkte.
Auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn angewandt: In der ersten Phase lebt der Sohn zuhause. Alles ist in Ordnung. Dann kommt die erste Wende: Der Sohn lässt sich sein Erbe auszahlen und zieht in die Welt. Die damit eingeleitete zweite Phase erweist sich als Irrweg. Selbstverschuldet gerät der jüngere Sohn in eine Sackgasse. Dann kommt die zweite Wende: die Besinnung, die Einsicht in die eigenen Fehler, die Bereitschaft zur Umkehr und zu einem Neuanfang. Damit wird die dritte Phase eingeleitet. Der Sohn lebt wieder zuhause in einem neu geordneten Leben.
Das mit den drei Phasen und den beiden Wendepunkten klingt etwas schematisch. Das ist Absicht. Denn jetzt möchte ich fragen, wie wir uns zu diesen unterschiedlichen Phasen und Wendepunkten verhalten können, wie wir sie bewerten. Damit möchte ich aufzuzeigen versuchen, dass es eine deutlich christliche Haltung zu diesen Phasen und Wendepunkten gibt, wie eben im Gleichnis zum Ausdruck gebracht - und eine Haltung, die nicht christlich wäre.
Wenn, wie es häufiger geschieht, nach christlichen Werten gefragt wird, ließe sich ein Teil der Antwort mit Hilfe dieses Gleichnisses geben. Das will ich versuchen - in etwas schematisierter Weise. Verzeihen Sie bitte den teilweise etwas saloppen Redestil.
Betrachten wir den ersten Abschnitt. Der Mensch lebt tadellos. Die Familie ist in Ordnung. Die Eltern gehen ihrer Arbeit nach. In unserem Gleichnis ist allerdings nur von dem Vater die Rede. Die Söhne arbeiten fleißig. Man versteht sich. Man hält zusammen. Man hilft sich gegenseitig. Die menschlichen Beziehungen stimmen. Alles geht seinen geregelten Gang.
Das ist eine sehr schöne Phase. Sie könnte dazu verführen, sich selbst auf die Schulter zu klopfen und sich zu sagen: Das machen wir gut. Und mit Blick auf die anderen: Das machen wir besser als die. Und die Mitglieder dieser Familie könnten meinen, sie hätten es nicht schlechter verdient. Sie könnten sich bequem zurücklehnen und sich sagen: Wie gut, dass wir nicht sind wie die anderen. Sie könnten es sich gut gehen lassen, sich Probleme von draußen vom Halse halten, sich in ihren Kreisen nicht stören lassen und meinen, das würde nun immer so weitergehen.
Dann die erste Wende: Der jüngere Sohn bringt ein unerwartetes Ansinnen vor. In einer vielleicht spätpubertären Anwandlung meint er, es zu Hause nicht mehr aushalten zu können. Er müsse sofort auszuziehen, er wolle was vom Leben haben, wolle was erleben und was von der Welt sehen. Von dem aufgeschreckten Vater fordert er die Auszahlung seines Erbteils.
Hiermit ist plötzlich eine Krisensituation eingetreten. Die bisherige Ordnung wird zerbrochen. Das Zuhause gilt nichts mehr. Die Arbeit wird verweigert. Ein Element der Verantwortungslosigkeit tritt auf den Plan. Die verstörte Restfamilie könnte die Krise mit Drohungen zu ersticken versuchen: „Wenn du gehst, sind wir geschiedene Leute! Denk nicht, du könntest zurückkommen! Geh hin, wo der Pfeffer wächst! Sieh zu, wie du allein klarkommst!“
Die erste Wende könnte eine Trennung im Zorn sein. Der Wunsch zu gehen könnte durch einen Rauswurf erfüllt werden. Damit wäre der jüngere Sohn auf seinem weiteren Weg mit dem Zorn seiner zurückbleibenden Familie belastet. Hinzu kommt in dieser zweiten Phase das Fehlverhalten, der Leichtsinn, die Angeberei, die mangelnde Lebensvorsorge. Hierzu könnte der außenstehende Betrachter sagen: „Selbst Schuld, geschieht dir recht, wenn du nun in Schwierigkeiten gerätst. Wärest du zuhause geblieben, wärest du nicht in Arbeitslosigkeit geraten. Hättest du dein Geld nicht verschleudert sondern angelegt, hättest du nicht unwürdige Arbeit annehmen und Hunger leiden müssen. Recht so: Wer nicht hören will, muss fühlen.“ So könnten wir den Menschen in dieser Phase seinem Schicksal, das er sich selbst eingebrockt hat, überlassen und ihn noch zusätzlich mit Verachtung strafen. Und einmal mehr könnten wir uns selbst auf die Schulter klopfen ob unseres vernünftigen Lebenswandels.
Wenn wir in diesem Stil fortfahren wollten, könnten wir zur zweiten Wende, zur Einsicht des Gescheiterten in seine Fehler sagen: "Haben wir doch gleich gesagt: Das wird nichts. Aber nun bade mal die Suppe aus, die du dir selbst eingebrockt hast. Nun sieh zu, wie du da selbst wieder herauskommst." Als dann der heimkehrende Sohn sich seinem elterlichen Haus nähert, könnte der Vater ihm zunächst eine längere Predigt halten in dem Stil: „Hättest du damals auf mich gehört …“. Und: „Jetzt hast du erstmal wieder was gutzumachen. Jetzt fang mal wieder von unten an und beweise, dass du vernünftig geworden bist, dann können wir weitersehen.“
In der so eingeleiteten dritten Phase könnten sich die Eltern und der ältere Sohn erleichtert wieder zurücklehnen und könnten sich sagen: „Die Sache ist gerettet. Wir haben es doch gewusst. Warum nicht gleich so! Der Jüngste wird uns ewig zu Dank verpflichtet sein müssen. Und aufmucken können wird er jetzt auch nicht mehr. Nur nach außen hin müssen wir tun, als wäre nichts gewesen, damit sich die Nachbarn nicht lustig machen.“
Eine solche Betrachtung der drei Lebensphasen wäre denkbar und gar nicht einmal so außergewöhnlich. Diese Art der Betrachtungsweise ist in unserem Gleichnis in der Person des älteren Bruders verkörpert, wie wir seiner Reaktion bei der Wiederaufnahme des Bruders entnehmen können. Aber diese Betrachtungsweise ist nicht diejenige, die das Gleichnis favorisiert. Im Gegenteil, sie wird ausdrücklich abgelehnt. Wir sollen uns mit dem Verhalten des Vaters identifizieren. In ihm sind die Anschauungsweisen, Verhaltensmuster und Werte verkörpert, denen wir unsere Zustimmung geben sollen.
Die eben geschilderte und in dem älteren Sohn verkörperte Verhaltensweise ist durch Selbstgerechtigkeit, durch Überheblichkeit, durch Selbstüberschätzung, durch Selbsttäuschung, durch Geringschätzung und Verachtung, durch Unbarmherzigkeit und Unerbittlichkeit, durch Häme, durch Schadenfreude gekennzeichnet. Das sind alles keine christlichen Tugenden.
In dem Vater ist ein Gegenmodell verkörpert. Das Gleichnis legt uns zwar nicht sein ganzes Denken und Handeln offen dar. Aber wir können aus der Art der Aufnahme des heimkehrenden Sohnes das Gesamtverhalten des Vaters erschließen. Das ließe sich vielleicht so beschreiben: In der ersten Phase, als noch alles in Ordnung war, war sich der Vater des besonderen Glücks der heilen häuslichen Situation bewusst. Als frommer Mann jener Zeit faltete er abends die Hände und betete: „Ich danke dir Gott, dass du uns ein so glückliches Familienleben schenkst. Hilf, dass wir dies nicht wie selbstverständlich nehmen und wir nicht überheblich werden denen gegenüber, die es im Augenblick nicht so gut haben.“
Dann kommt die erste Wende, die Krise. Der jüngere Sohn will weg. Der Vater macht seinem Sohn klar, mit welchen Risiken sein Vorhaben verbunden ist. Aber da er seinen Sohn nicht umstimmen kann, sagt er ihm zum Abschied: „Mein lieber Sohn, ich halte es für falsch, was du da vorhast. Aber du sollst trotzdem wissen: Dein Zuhause wird immer dein Zuhause bleiben. Wenn du Schiffbruch erleidest, wenn du nicht mehr weiter weißt, dann bist du bei uns jederzeit willkommen.“
In der Phase, in der der jüngere Sohn durch die Welt zieht und seine Erfahrungen macht, sind die guten Gedanken des Vaters auf seiner Seite. In seinen Gebeten bringt der Vater seine Sorgen zum Ausdruck, seine guten Wünsche für den Sohn, dass er den rechten Weg finden möge, dass ihm geholfen werden möge in Not, dass ihm - wo nötig - verziehen werden möge, und dass der Sohn dann wirklich an sein Zuhause denken möge und sich ohne Scham zur Rückkehr entschließen möge, wenn er sonst keine andere Lösung mehr wüsste. Als dann der Sohn tatsächlich wieder vor ihm steht und um Wiederaufnahme bittet, ist der Vater von nichts anderem erfüllt als von der Freude über das Wiedersehen.
Die dritte Phase des wiedererlangten Glücks soll nun nicht nur die Fortsetzung der ersten sein, sondern es soll eine Phase der vertieften Beziehung werden, der gereiften Beziehung. Das Glück, durch eine Leidenserfahrung neu erworben, hat für ihn damit eine neue Dimension erreicht.
In dem Vater, in dem wir gleichnishaft das Wesen Gottes erkennen sollen, sind die christlichen Werte wie Barmherzigkeit, Vergebung, Liebe verkörpert. Jesus ist es, der dieses Gleichnis erzählt. Er will uns im Grunde sagen: Wir alle sind auf solche offenen Arme angewiesen. Wir brauchen irgendwo eine Stelle, eine Art Zuhause, wo uns die Tür immer offensteht, wo uns keine Vorhaltungen gemacht werden, wo wir zwar Rat erhalten, wo unser Scheitern aber nicht mit Schadenfreude gestraft wird, wo wir uns immer wieder erholen können und uns stärken können - nicht zu neuen Schandtaten, sondern zu einer wirklichen Besserung, zu dem Versuch eines Neuanfangs im besten Sinne, wo wir etwas gelten, wo wir nicht mit Makeln behaftet, sondern von dunklen Flecken gereinigt werden, wo man sich über uns wirklich und wahrhaftig freut, wenn wir uns eines Besseren besinnen.
Es gibt eine besondere christliche Art des menschlichen Miteinanders, die sich von anderen Arten unterscheidet. In dem Vater des Gleichnisses ist sie verkörpert. Sie soll uns Zuspruch und Anspruch zugleich sein.
(Predigt von Pastor Wolfgang Nein in St. Markus, Hamburg-Hoheluft am 27. Juni 1993)
